[Rezension] Roman *** Traut euch, träumt – Lektionen eines Lehrers, den man gerne gehabt hätte *** Beziehungsarbeit de luxe

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Dieter Bachmann
„Traut euch, träumt – Lektionen eines Lehrers, den man gerne gehabt hätte“

TB, 272 Seiten, 18,99 Euro, ET: 30.03.2023
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Inhalt:

„Der Lehrer, von dem du gerne gelernt hättest (und deine Eltern wären froh gewesen, hättest du so einen Lehrer gehabt)

Ein ganz und gar ungewöhnlicher Lehrer schreibt über die Erkenntnisse aus der jahrzehntelangen Arbeit mit Schülerinnen und Schülern. Die wichtigsten Dinge hat Dieter Bachmann nämlich nicht im Studium gelernt, sondern vom Leben selbst oder eben von den Kindern. Von Herrn Bachmann können wir wiederum lernen, wie man Kindern Vertrauen schenkt, wie man im Umgang mit ihnen authentisch bleibt, Haltung und Mitmenschlichkeit zeigt und dabei Kreativität, Toleranz und Kommunikation in den Mittelpunkt stellt. Eine Schale Äpfel kann manchmal mehr bewirken als vier Stunden Matheunterricht.

Der Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“ hat zahlreiche Preise gewonnen, unter anderen den silbernen Bären der Berlinale und den Deutschen Filmpreis.“ (Quelle)

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Meine Meinung:

Ich kannte den Autor bisher noch nicht. Ich habe auch den Film „Herr Bachmann und seine Klasse“ nicht gesehen. So konnte ich das Buch völlig unvoreingenommen auf mich wirken lassen.  

Ich habe 2002 mein Referendariat beendet und habe danach direkt meine erste Stelle an einer Hauptschule angetreten. Ich wollte schon immer Lehrer werden und es ist auch heute noch mein Traumberuf, auch wenn sich in den letzten 20 Jahren einiges geändert hat, leider nicht alles zum Besseren. 

Ich war sehr gespannt, was Herr Bachmann von sich als Lehrerpersönlichkeit und seiner Arbeit berichten würde. Vor allem war ich auf die Lektionen gespannt. 

Was hat mir gefallen/was ist mir positiv beim Lesen aufgefallen:

  • Das Buch lässt sich leicht lesen und die Kapitel sind sehr lesefreundlich. So kann man auch abends ein-zwei Kapitel lesen und kann das Buch danach wieder zur Seite legen. 
  • Die Ehrlichkeit Bachmanns hat mir gut gefallen und auch imponiert. Ich glaube, es ist essentiell von Nöten, dass man als Lehrer nicht verkopf ist, sondern viele Dinge mit dem Alltag in Verbindung bringen kann und das auch tut. Nur so bleiben diese Dinge dann auch bei den Schülern im Kopf.
  • Ich bin ebenfalls der vollsten Überzeugung – wie Herr Bachmann, dass Beziehungsarbeit im Vordergrund stehen muss. Erst wenn man mit den Kindern/Jugendlichen eine gemeinsame Ebene gefunden hat, kann das Unterrichten losgehen. Dann hören einem vielleicht die Kids auch zu. 
  • Beim Lesen merkt man, wie viel Herz Herr Bachmann in seine Arbeit steckte, wie viel Kreativität er zuließ und wie sehr er die Schüler einbezog. Er hat seinen Schülern sicherlich immer gezeigt, wie sehr er sie mag und wie sehr er sie schätzt. Das ist toll und mir ebenfalls sehr wichtig. Ich bin auch immer sehr emotional dabei. 
  • Seine Projekte, vor allem die Gestaltung des Sonnenraums, haben mir sehr imponiert, auch die Einbeziehung der Nachbarin. Das ist eine tolle Sache!

Was ist mir ein wenig aufgestoßen bzw. worüber bin ich gestolpert:

  • In seinen Geschichten kommen ganz viele Situationen vor, in denen er für sich einfach entscheidet, etwas zu tun oder eben nicht zu tun. Das klang beim Lesen sehr revolutionär und sicherlich sehr schülerfreundlich, aber so einfach ist das nun mal nicht. Arbeiten müssen geschrieben werden, der Lehrplan zumindest irgendwie abgearbeitet. Das wird auch von der Schulleitung überprüft. Und nicht nur von dieser. Mittlerweile mischen sich auch Eltern ein, wenn sie der Meinung sind, dass der Lehrer nicht genügend „Stoff durchnimmt“. Und die Eltern, die sich beschweren oder einfach nur mal nachfragen, werden immer mehr. 
  • Die Beziehungsarbeit ist das Wichtigste überhaupt – aber wie man das macht und dass man dafür den Kids trotzdem zeigen muss, wer „der Chef“ ist, kommt im Buch nur sehr wenig vor. Eigentlich erst im Nachwort der Referendarin, die schreibt, dass sie das „Dominanzgebaren“ (S. 246) Bachmanns erst schwierig fand. Und genau so ist es: Erst müssen  – trotz aller Liebe und Wertschätzung – trotzdem die hierarchischen Strukturen geklärt werden, sonst funktioniert das Ganze nicht. Hier haben mir doch für eine realistische Darstellung ein paar Berichte gefehlt. 

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Mein Fazit:

Ich gebe Herrn Bachmann in vielen Dingen Recht. Vor allem, dass sich Unterricht und Schule verändern und öffnen müssen. Die Unterrichtsinhalte müssen an die heutige Zeit angepasst werden. Man darf nicht aus den Augen verlieren, was sich alles verändert hat. Familienstrukturen, Mediennutzung, Sprachgefühl, Zusammensetzung der Klassen….

Beziehungen zu den Schülern sind das A und O – ohne geht es nicht. Das muss in der Lehrerausbildung viel mehr in den Vordergrund gerückt werden. Kinder müssen im Ganzen gesehen werden. Kinder, die morgens nicht frühstücken können, weil am Ende des Monats kein Geld mehr da ist, können sich nur schlecht konzentrieren. Kinder, die ihre Eltern schon früh finanziell unterstützen müssen, können nicht 324 Referate pro Woche erledigen. Das geht einfach nicht und ist nicht fair. Man könnte hier noch viele Beispiele anführen. 

Das sind die beiden Lektionen, die ich absolut unterschreibe! Für mich auch die Wichtigsten. 

Ich bin jedoch nicht komplett mit Herrn Bachmann „warm geworden“. Vielleicht lag es an der fehlenden Erwähnung, dass Beziehungsarbeit richtig harte Arbeit ist, die auch kontinuierlich weitergeführt werden muss und trotz allem auch mit Hierarchie zu tun hat. Manchmal klang es so, als käme Herr Bachmann einfach in den Saal und alles wird gut. 

Ich bin froh, das Buch und Herrn Bachmann kennengelernt zu haben. Sicherlich – vor allem für junge Lehrer – eine gute Lektüre zum Nachdenken. Was ich vor allem mitnehme: Man lernt immer wieder dazu, jedes Schuljahr mache ich Dinge anders, probiere Neues aus und reflektiere vor allem mich und meinen Unterricht – auch mit der Hilfe der Schüler und auch der Kollegen, die mit mir arbeiten. Das ist wichtig und das muss man auch tun. Nur so wird man sich und auch den Schülern gerecht. 

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